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Das Magazin #28

Alle reden vom Wetter

„Alle reden vom Wetter. Wir nicht“ war ein von der Deutschen Bahn gekaperter Slogan der 68er-Bewegung – wer vom Wetter redet, rede unmöglich von Politik, so die Annahme damals. Die revolutionär gestimmten Studierenden wollten statt vom banalen Wetter von Marx, Engels, Lenin reden. Heute muss man sich nicht mehr entscheiden. Wetter und Klima sind politisch geworden, fordern radikales Umdenken heraus. Angesichts von Klimawandel, Ressourcenverknappung und globalisiertem Wettbewerb ist die Frage nach einer gerechten Verteilung der Güter und der Verhinderung des „Ökozids“ aktueller denn je. Wir haben den Theaterregisseur Milo Rau und die Kuratorin Claudia Banz im Zusammenhang ihrer von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekte gefragt, wie sie sich heute eine „Revolution“ vorstellen, in einer Zeit, in der die Konturen der traditionellen revolutionären Figuren – Sklaven, Bauern, Proletarier – verblasst sind. Wer also sind die neuen Revolutionäre?    

Braucht es eine Avantgarde der Künstler und Wissenschaftler, die die
Revolution anstoßen, bevor sie von der Masse getragen wird?

Milo Rau: Das ist ein altes Problem. Und ich fürchte, es ist kaum zu umgehen. Denn die Vorbedingung jeder Revolution in einer Gesellschaft ist die Entwicklung eines neuen Bewusstseins ihrer selbst. Revolutionäre sind die Imaginatoren dieser anderen Wirklichkeit, sie wecken die Vorstellungskraft dessen, was fehlt. Das können sie nur tun, indem sie austreten aus dem Innenraum der Gesellschaft. Inwiefern dieser Austritt gelingt oder scheitert, ob man also zu Recht oder Unrecht von Avantgarde sprechen kann, zeigt sich erst von ihrer Wirkung her. In einer Gesellschaft, die die jetzige Wirklichkeit als Realität im vollen Sinn anerkennt, finden solche Imaginationen kaum Anhänger. Wird die bestehende Wirklichkeit aber als mangelhafte oder leere Realität erfahren, ist ihre Wirkung stark; vorausgesetzt, dass sie sich einigermaßen auf der Höhe der wichtigsten politischen, ökonomischen und sozialen Probleme bewegen. Oder anders gesagt: Es ist entscheidend, welche Gedanken, Symbole, Bilder, Organisationsformen usw. im Moment eines in Massenprotesten sich entladenden Unmuts zur Verfügung stehen und von einer Bewegung als die ihren erkannt werden.

Claudia Banz: An die Stelle der Avantgarde ist heute die Generation der Maker getreten, die sich selbst als Pioniere und Protagonisten revolutionärer Entwicklungen verstehen. Die Masse ist zur sogenannten Crowd mutiert. Die Crowd wiederum formiert sich über die Kommunikationskanäle der neuen Medien, adressiert bestimmte Anliegen, engagiert sich oder protestiert, löst sich wieder auf, um sich aus neuem Anlass wieder neu zu formieren. Die Maker sind Bestandteil der Crowd, in der die Grenzen gesellschaftlicher Schichten oder Klassen ebenso aufgehoben sind wie unterschiedliche Bildungsgrade. Das Konzept der Wissenselite als primärer Motor revolutionärer Bewegungen hat dadurch an Bedeutung verloren.




Wer ist das revolutionäre Subjekt und wie muss man sich einen globalen
Klassenfeind vorstellen?

Milo Rau: Das revolutionäre Subjekt ist immer der Dritte Stand. Es sind jene Menschen, die nicht repräsentiert sind, die nicht mitbestimmen können, die in der herrschenden Ordnung untervertreten oder überzählig sind. Aber um eine größere Anzahl von ihnen als revolutionäres Subjekt bezeichnen zu können, müssen sie sich von einer fremdbestimmten, meist seinsbezogenen, zu einer selbstbestimmten, interessenbezogenen Einheit wandeln. Nur ein solches Bündnis macht die Überzähligen zu einer Überzahl, die ins Zentrum der Macht drängen kann. Die Ausrichtung auf ein solches Zentrum ist ein zweites konstitutives Element des revolutionären Subjekts. Daher steht es heute immer vor dem Paradox, dass es das politische System, das es ablehnt, zugleich verteidigen muss. Denn dieses wird vom „globalen Klassenfeind“ zunehmend unterhöhlt und entmachtet – von jenen einflussreichen Unternehmern, Managern, Politikern, Reichen und Kriminellen, deren Ziele und Interessen in so vielem konträr zu jenen des Dritten Standes stehen. Wo dieser Sichtbarkeit, Einbindung und Verantwortlichkeit anstrebt, tun jene alles dafür, unsichtbar, losgelöst und unbelangbar zu sein. Drittens kann es ein revolutionäres Subjekt nur als ästhetisches Subjekt geben, weil es ein besseres Bild von sich und der Welt haben muss, als es die bestehende Wirklichkeit hergibt. Und nur dieses Bild des Besseren bewahrt das revolutionäre Subjekt davor, aus Neid und Vorurteil zu handeln.

Claudia Banz: Das revolutionäre Subjekt versteht die Welt als formbares Projekt und sucht nach konstruktiven Strategien der Verbesserung oder Reparatur. Zu den aktuellen Praktiken, die Eigenlogik und Dynamik der neoliberalistischen Ökonomie und deren Macht- und Wertesystem zu unterlaufen, zählen Do it Yourself, Do It With Others, Commoning oder Open Source. Entscheidend ist, dass das revolutionäre Subjekt von heute nicht für eine utopische Zukunft agiert, sondern konkrete Lösungen für das Hier und Jetzt entwickelt. Aus den leitenden Prinzipien der  Selbstorganisation, Selbstermächtigung und Eigeninitiative werden neue Formen politischen Handelns abgeleitet. Der Ausweg aus der vorherrschenden Krise wird nicht länger im Individuum, sondern eher im Sozialen gesucht. Die Kritik der Klassengesellschaft und damit verbunden die Definition eines globalen Klassenfeinds stehen nicht auf der Agenda.

 

Kann sich die Revolution des 21. Jahrhunderts noch auf ein (Ideal-)Bild
vom Neuen Menschen berufen, wie das die Russische Revolution getan hat?

Milo Rau: Das Wort Revolution bezieht sich emphatisch auf die Menschen als bedürftige, nach Anerkennung und Freiheit strebende Wesen. Ohne diesen alten Begriff vom Menschen macht es keinen Sinn, von Revolutionen zu sprechen. Daher können Revolutionen, die diesem Menschen aufhelfen wollen, die ihm die Würde, ein Subjekt zu sein, wieder geben wollen, eigentlich nur soziale Revolutionen sein. Prophezeiungen von sozialrevolutionären Effekten technischer Innovationen lösen sich regelmäßig in Luft auf. Denn obwohl sie heute immer mehr unser gesellschaftliches Dasein bestimmt, kann die Technik nur wenig zu sozialen Fortschritten beitragen, da diese nach wie vor über die gerechte Verteilung der Güter, die Fähigkeit zur Liebe und das Ausbalancieren von Kräfteverhältnissen zustande kommen. Um hier Verbesserungen zu erzielen, reichten schon in der Sowjetunion die Fünfjahrespläne nicht aus und heute weder Datenmengen noch Logistik. Vielmehr braucht es soziale Fantasie, gesellschaftliche Wunschbilder und kollektive Vorstellungskraft, um sozialen Fortschritt im Hinblick auf einen „neuen Menschen“ in Gang zu bringen. Revolutionen starten daher immer mit symbolischen Neugründungsakten des Zusammenlebens.

Claudia Banz: Es gibt weder die eine große Revolution, noch gibt es das Idealbild des Menschen. Angesichts des Klimawandels, schwindender Ressourcen und der negativen Folgen der Agrarindustrie sowie der Konsumgesellschaft sollten künftige Revolutionen vielmehr von einem holistischen Weltbild ausgehen, dass nicht nur den Menschen, sondern auch Natur und Tiere fokussiert sowie den von Menschenhand geschaffenen Dingen eine neue Wertigkeit beimisst.

 

Wie muss man sich eine Revolution vorstellen, die die ökologische
Katastrophe verhindern will?

Milo Rau: Das ungehemmte kapitalistische Gewinnstreben und die globalisierte Wettbewerbsgesellschaft bedeuten zusammen das baldige Ende der Erde, wie wir sie kennen. Die Erde zu retten und gleichzeitig daran zu verdienen funktioniert ebenso wenig wie die sogenannten Energiewenden, die vor allem auf technische Innovationen setzen und nicht auf die Revolutionierung der menschlichen Lebens- und Wirtschaftsweise. Selbstverständlich ist es sinnvoll, Elektroautos, Meerwasserentsalzungsanlagen und Solarzellen zu bauen, aber das alles stößt an Grenzen und wo man etwas gewinnt, verliert man andernorts wieder etwas. Ohne dass die reichere Hälfte der Menschheit ökonomische Strukturen schafft, die die Macht der Konzerne radikal einschränken und die Ohnmacht der armen Menschen bricht, gibt’s daher keinen Ausweg aus dem Ökozid. Die Ökologie ist daher – nicht anders als das Problem der sozialen Gerechtigkeit – aufzufassen als eine simple Frage der Macht beziehungsweise von Gewalt und Verschonung. Schon immer war die Macht, die tat, was sie konnte, eine vernichtende Macht. Nur die Macht, die sich beschränkt und nicht alles tut, erhält das Leben. Erst die Mutter, die nicht alles fordert, erst das Geld, das nicht alles kauft, erst die Technik, die nicht alles anwendet, erst die Regierung, die nicht alles ausbeutet, ist gut. Wir brauchen keine Reservate für die Natur oder für die Menschen, wir brauchen Reservate für den Kapitalismus.

Claudia Banz: Solch eine Revolution besteht aus vielen verschiedenen Teilrevolutionen: Sie umfasst den Ausstieg aus der stetigen Wachstumsspirale und Produktivitätssteigerung, sie befördert die Erforschung und nachhaltige Nutzung alternativer Ressourcen, sie zielt auf eine neue Werteordnung und ein neues Konsumverhalten ab, sie bewirkt eine neue Wertschätzung der Dinge, sie lässt die Vision der Postwachstumsgesellschaft, die Ideale einer Welt der Commons Wirklichkeit werden. Vor allem führte diese Revolution zu einer radikalen Transformation der aktuellen Lebensmittelproduktion (die die industrielle Landwirtschaft mit einschließt) sowie unserer Ernährungsgewohnheiten.

 

Die Fragen stellten Friederike Tappe-Hornbostel und Therese Teutsch

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